Ultra X Jordan 2023: Montag – das erste Rennen

Das Auftaktrennen - erst mal sehen was hier Phase ist

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Montag – Erstes Rennen (40K // 390hm) beim Ultra X Jordan
 
Um 04:00 Uhr vibriert die Uhr am Handgelenk. Unnötig, denn ich habe eh nicht geschlafen. Vor dem Zelt irren bereits lauter Frühaufsteher mit ihren Redlights herum, die jetzt schon in Montur ihr Frühstück zwischen den Mundwinkeln herumtragen. Good Morning – das Abenteuer beginnt.

Arg früh, wenn man eigentlich vorbereitet ist. Und doch nicht blöd, denn jetzt lernen wir die erste Herausforderung des Tages kennen: Wo, verdammt noch mal, ist eigentlich der doofe Löffel? Wo ist die Sonnencreme? Warum liegen die Aminos nicht da, wo ich sie gerade noch hingelegt habe? Es ist furchtbar eng im Zelt, man hat keinen Platz um Dinge auszubreiten, es ist stockdunkel und man will mit der Headlight auch nicht andere stören. Also suchen wir. Und wenn wir gefunden haben, suchen wir was anderes. Unfassbar nervig!
 

Morgenrituale

Seit 04:00 Uhr kocht das Wasser in zwei riesigen Boilern für Frühstück und Kaffee. Hab keinen dabei und die letzte Woche komplett auf Koffein verzichtet, weil ich bei den wenigen Gels mit Koffein möchte, dass diese dann auch richtig knallen. Abwarten, ob das funktioniert.
Das sorgsam zusammengestellte Eigenbaumüsli im Vakuumbeutel wird mit dem 30g-Armeemesser fachmännisch geöffnet und in die doppelwandige Leichtbau-Multifunktionstasse aus Australien umgefüllt. Wasser rein und mit dem überlangen Titanlöffel umrühren. Was habe ich mir vorab für einen Kopf gemacht das Gewicht so gering wie möglich zu halten, um es bei potentiell wichtigeren Dingen (wie Nervennahrung / Essen) verschwenden zu können, die man eben nicht als Leichtbau bekommt. Mit den Gedanken im Kopf passiert mich ein Pärchen mit elektrischen Zahnbürsten….
 

Der erste Start unter dem blauen Start- und Zielbogen von Ultra X

Start um 06:30 Uhr. Humane Zeit, um 06:15 Uhr ist es aber stockdunkel. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar kommuniziert, dass JEDEN TAG die Headlight Mandatory-Equipment ist. Also mal einpacken, anscheinend braucht man die heute schon. FALSCH. Irgendjemand, vermutlich der verantwortliche Camp-Beduine, schaltet um 06:20 Uhr das Licht ein. Mir war am Vorabend schon aufgefallen, dass die Sonne hier in 3 Minuten von „Licht an“ auf „Licht komplett aus“ umstellt. So ist es morgens auch, nur umgekehrt.
Allerdings ohne gleißende Sonne, denn es ist gut bewölkt. Das hatte der Wetterbericht angesagt, mehr oder weniger für die ganze Woche. Glücksfall, denn so bleibt uns die mörderische Hitze vielleicht doch erspart. Könnte aber auch bedeuten, dass es schnell wird.
 
 

Der erste Start

Dann stehen wir an der Startlinie unter dem großen Ultra X Bogen und Sam hält eine Rede. Kurz und prägnant und noch 30 Sekunden. Kein Knall, sondern Gesang und Vuvuzelas der Beduinen und ein GO befördern uns in die Wüste. Das ist es jetzt also. Eigentlich hätte ich letztes Jahr hier stehen sollen, doch eine langwierige Knieverletzung hat das verhindert. Aber jetzt, 19 Monate von der Idee bis zur Umsetzung, ist es soweit. 3.130 Trainingskilometer aus diesem Jahr und 55.000 Höhenmeter stehen auf der Uhr. 3 Bergrennen in DE/AT, ein Berg-Ultra in Schweden, 4 Trainingsmarathons, ein 50K-Trainingsultra im schwedischen Strandsand und jede Menge Back2Back-Trainingseinheiten über 2, 3, 4 und letztlich auch 5 Tage mit steigenden Distanzen habe ich absolviert. Doppelte Einheiten früh morgens und Abends mit Lampe auf dem Kopf. So viel habe ich schon sehr lange nicht mehr trainiert um hier keine Überraschung zu erleben.
 
Alles gecoacht von Francesco Puppi über die Trainingsplattform Vert.run. Er war immer da, wenn es Zweifel gab, hat den Plan angepasst und die zahlreichen Verletzungen mit mir durchgemacht. Danke dafür Francesco!
 
 
Gemächlich geht es los. Wie war noch der Plan? Erst mal locker angehen und schauen wie es sich so läuft. Die Spitze knallt davon als ob es ein 10K wäre. Ich beobachte das und es nervt mich gewaltig in einer Talkshowblase mitzulaufen. Also wird etwas beschleunigt und an der Seite mit einer vollkommen entspannten 6er Pace dahingetrabt. Der Boden ist hart, nur leichter Sandauftrag, das ist ja fast wie daheim im Wald.
 

Welcome Joe

Nach 5K schließt Joe Ocr auf. Schöne Überraschung. Schneller Mann, hatte ihn vorab ein wenig gestalkt und wusste um seine Fähigkeiten bei OCR-Races und seine Teilnahme beim TAR2, erst vor wenigen Wochen. Wir beschließen die Sache erst einmal gemeinsam anzugehen, albern herum, machen Fotos und rollen eine Position nach der anderen nach vorne.
An VP1 (7K) geht es vorbei, aha – so schaut das also außerhalb von Filmchen aus – gut, weiter. VP2 (14K) nehmen wir zur Kenntnis. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir auch hier nichts gemacht. Immer noch gut bewölkt, etwa 25 Grad, perfekte Bedingungen. Ab und zu mischen sich nun deutlich tiefere Sandböden unter und wir beginnen uns alternative Wege daneben zu suchen, die härter sind. Sand kostet einfach wahnsinnig viel Kraft. Bis VP3 (21K) ufert das ein wenig aus, das Feld ist inzwischen ziemlich zerrissen und wir laufen alle extrem breit an der Route vorbei. Wie sich später noch herausstellen wird, bringt das eher wenig, denn es kostet einiges an zusätzlicher Distanz.
 
Die Landschaft ist trotz der Bewölkung ein Traum, rote Berge, roter Sand, die ersten Kamele passieren die Route, eine Ziegenherde grast ohne Gras mitten in der Wüste – verrückt.
Inzwischen habe ich entdeckt, dass es mich nun weiterbringt die Mütze nasszumachen. Wenn das Wasser den Nacken hinunterläuft lenkt das gut ab und erfrischt hervorragend. Ab Tag 2 gehe ich auch dazu über den Buff zu tragen, den ich als Mandatory-Equipment eher für Sandstürme dabei hatte, und auch diesen tropfnass um den Hals zu legen. Eine absolut großartige Sache in der Wüste. Doch dazu später mehr….
 
Joe verkündet vor VP4 (28K), dass er jetzt Tempo rausnehmen will, weil er Respekt vor den kommenden Tagen und Distanzen hat. Klingt weise. Ich überlege was das für mich bedeutet, was mein Tagesziel eigentlich ist und wie ich mich fühle. Es geht mir aber viel zu gut um jetzt langsamer zu machen und vor uns laufen noch ein paar Läufer, die ich ganz gerne hinter mir sehen möchte. Wir trennen uns und ich beschleunige relativ deutlich. Bis zum VP5 bei 35K hole ich 6 versprengte Positionen auf. Nummer 7 steht am VP und lässt sich feiern, er hat nämlich Geburtstag. Happy Birthday und Goodbye, ich verzichte auf einen Stopp und frage im Vorbeilaufen nach den Restkilometern. Eigentlich überflüssig, denn natürlich weiß ich wieviel es noch sein müssen, so um die 4. Antwort 4K. Danke.
 
3 weitere Positionen kann ich mich noch verbessern und so langsam bekomme ich Zweifel, ob das mit den 4K realistisch ist, denn es ist absolut nichts zu sehen. Inzwischen laufe ich komplett alleine. Weit vor mir sind noch 2 Läufer unterwegs, die nicht einholbar sind. Nach der nächsten und letzten Bergkuppe ist das Camp zu sehen.
 
Die 4K sind bereits durch. Kann ja nicht wahr sein. Ich hatte die Energieaufnahme so berechnet, das sie gut passt, aber eben auch keine großen Sprünge darüber hinaus erlaubt. Die Squeezy Liquids sind verbraucht, ein Backupriegel (auf den ich keine Lust habe) liegt noch im Raidlight Rucksack und eine Tüte Powerbar Shots ruht im Belt. Brauche ich für die verbleibenden 2K noch etwas? Schwer zu sagen. Eigentlich keine Lust gerade auf etwas herum zu kauen.
 
Ein leichter Schwindel und deutlicher Kraftverlust nimmt mir die Entscheidung extrem plötzlich ab. Ok, Speicher leer. ich muss doch noch etwas zu mir nehmen. Tempo raus, Tüte raus, Zeug rein und hoffentlich knallt der schnelle Zucker sofort. 5 Minuten stapfe ich durch den inzwischen tiefen Sand und ärgere mich über diesen Anfängerfehler. Was für eine Zeitverschwendung. Hoffentlich rollt mich keiner der Überholten auf, wie peinlich wäre das bitte?
Immerhin es funktioniert! Der Zucker erlöst mich vor dem K.O.-Schlag und das Koffein funktioniert auch super. Wenigstens ein Plan, der aufgegangen ist.
Eine gefühlte Ewigkeit dauert es, bis das Camp größer wird. Von wegen 4K, satte 6K waren es und nicht nur ich habe mich im Camp darüber noch geärgert. Anderen erging es ähnlich.
Von hinten naht ein weiterer Läufer, den ich bisher nicht kannte. Kein Überholter, wenigstens das bleibt mir erspart.
 

Dom – der Engländer mit der Katastrophen-Anreise

Es ist Dom aus England, der erst in der Nacht zu Sonntag in Amman und ohne Gepäck ankam. Nur die Schuhe sind seine, der Rest ist geliehen. Wegen einer Hochzeit konnte er nicht früher los und dann hat die Airline auch noch sein Gepäck verloren. Aber immerhin, er ist jetzt hier und läuft. Mit ihm stapfe ich 200m plaudernd durch den Sand bis wir beschließen die restlichen 500m mit erhobenem Kopf und als Läufer zu beenden.
 
Die Uhr sagt: fast 42K. Na super, die Umschifferei der tieferen Sandböden hat also auch gut Strecke gekostet, dazu die etwa 2 unerwarteten Kilometer nach dem letzten VP. Die Strategie ist für den nächsten Tag zu überdenken.
 
Platz 32. Nun ja. Echt so weit hinter den Top 20? Auf der anderen Seite war es der erste Tag und da wird von vielen gebolzt. So schlecht ist die 6:21er Pace im Sand und bei der Temperatur nun auch wieder nicht.
Das angenehme ist, es ist noch nicht einmal Mittag und die entspannte Phase beginnt. Speicher auffüllen, viel Trinken, Beine hochlegen, Campleben beobachten. Und von vorne. So wenig Energie verbrauchen wie es geht und maximal für den nächsten Tag regenerieren. Über Stunden treffen immer mehr Läufer im Camp ein und es wird nun recht lebendig. Viel Zeit kann man damit totschlagen weiter nach verschollenen Dingen in Tasche und Zelt zu suchen. Das wird für uns alle in den nächsten Tagen zur Hauptbeschäftigung….

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