Ultra X Jordan 2023: Mittwoch – 60km Sand

Der längste Tag wird zum Triumph des Willens

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Mittwoch – Drittes Rennen (60K // 870hm)
Der Tag vor dem alle beim Ultra X Jordan Angst haben! 60K und es ist definitiv vorbei mit erträglich warm – es wird heiß, es wird sehr sandig und 860hm mit ein paar netten Anstiegen sind auch dabei. Für einen Bergspezialisten geradezu ein Witz, aber im tiefen Sand zählt jeder Höhenmeter dreifach.
 

Heute ist alles anders: Das Feld wurde in zwei Gruppen geteilt. Alle mit einer Zeit von über 11 Stunden aus den ersten beiden Tagen starten um 05:00 Uhr, der weitaus kleinere Rest um 06:00 Uhr. Ich habe 8:40 Stunden auf der Uhr und darf theoretisch eine Stunde länger schlafen.
Natürlich Quatsch, denn ich schlafe ja nicht und selbst wenn… Na Schmarrn, tatsächlich habe ich wohl mal 3 Stunden geschlafen, sagt die Uhr. Echt? Ist mir gar nicht aufgefallen. Die Erschöpfung morgens geht immer auf das Konto von fehlendem Schlaf, den Beinen geht es gut. Füße ebenfalls, alles gut gepflegt mit Squirrels Nut Butter, darüber die Injinji-Zehensocken und die neongelben Calfcompression-Tubes von CEP. Gaiter drauf, dicht. Hier ging kein Korn Sand rein – nicht an einem der 5 Tage. Beeindruckend.
 
Um 05:00 Uhr hören wir die Horde loslaufen. Noch eine Stunde für den Rest. Während sich das Lichtermeer durch die Wüste schlängelt und dieses Mal noch weiter links als bisher in die endlose Weite zieht, packen wir unsere Taschen. Denn heute ist auch Campwechsel und wir laufen nicht zurück in dieses Camp, sondern in ein neues. Die Taschen werden mit Geländewagen umgezogen.
 

Start im Dunkeln

Um 06:00 Uhr stehen Joe und ich wieder auf der Linie. Die Lichter sind natürlich alle fort, jetzt beginnt die Jagd. Das ist ganz schön despektierlich, ich weiß, aber man braucht diese Gedanken als Motivatoren. Heute weiß kaum jemand wie es laufen wird und gleichwohl ist es herausfordernd so viele Läufer vor sich zu haben wie auch gefährlich, es zu übertreiben.
Mit dem Lichtkegel vor uns geht es los. Die Fähnchen tragen heute auf den ersten 10K zusätzlich rote Knicklichter. Wer sich jetzt verläuft, braucht echt einen Optiker. Es läuft super, die Beine sind herrlich locker, nichts tut weh, die Form ist da. Langsam wird es mir unheimlich. War das Training derart gut auf den Punkt gebracht? Ich bin in diesem Jahr mehrmals um die 110K/Woche gelaufen, aber nie mehr. Coach Francesco sagte, ich brauche das nicht, die Qualität ist top, wir kriegen Dich auch so nach vorne. Vielleicht hatte er damit Recht, ich war mir unsicher.
 
Kurz vor VP1 lässt Joe reißen und wir laufen wieder getrennt. Bei etwa 10K tauchen die ersten Läufer aus Gruppe 1 auf. Es wird bereits viel gegangen, der Sand ist recht tief und die aufgehende Sonne bringt ordentlich Wärme mit. Kurz vor VP2 krame ich die Musik raus, die Mädels vom VP tanzen wieder einmal vor dem Zelt, großartig – das motiviert so sehr. Flask leertrinken, aufdrehen, Elektrolytablette schon mal rein, Cap und Buff ab, schneller Stopp. Dabei gleich mehrere Positionen gut gemacht. Es geht auf einen Hügel zu und irgendetwas läuft gerade ab, was ich noch nicht einordnen kann.
 
Ein Blick auf die Uhr: 5er Pace, viel zu schnell. Aber es fühlt sich so richtig an wie selten. Also lasse ich es laufen, nehme den Hügel und habe auf einmal die Teamkameraden Holger und Jörg vor mir. Im Vorbeilaufen nach dem werten Befinden erkundigt und direkt weiter. Vollkommen irre Situation. Unter der Sonnenbrille laufen mir die Tränen hinunter. Runners High? Echt jetzt? Den letzten hatte ich im Februar 2022, eine Woche nachdem ich wieder zurück ins Laufen gefunden hatte und den ersten 10er lief. Mitten im Wald. Danach nie wieder.
 

Runners High Extended Version

Und es will nicht aufhören. Mit einer vollkommen unvernünftigen Geschwindigkeit geht es quer über eine Ebene und auf den nächsten Gebirgszug zu. Vor mir tauchen nun Andrea und Wolfgang auf. Halli-Hallo-Aufwiedersehen, ich kann jetzt nicht plaudern. Ich will die auch nicht vollheulen. Dieses Gefühl ist nicht teilbar und man kann es auch nicht aufsparen, man muss es nehmen wie es kommt und so lange genießen wie es da ist. Und es ist schon 20 Minuten da. Unglaublich.
 
Weitere 10 Minuten darf ich genießen und das reicht für den gesamten Anstieg. Dann verebbt es ein wenig und ich mache mir Gedanken, ob ich dafür bezahlen muss. Gedanken abschalten, das klären wir später. Ich bin eigentlich immer noch zu schnell für die Distanz und die Bedingungen, nehme etwas raus, bleibe aber im Überholmodus und immer noch sind Läufer der ersten Gruppe vor mir.
 
Hinter der letzten Kuppe vor VP3 renne ich fast in ein Kamel. Versunken in Gedanken und Teil der Musik war ich etwas weg vom Geschehen. Meine Güte stinkt dieses Wüstenschiff! Ist das nun ein bedauerlicher Einzelfall oder stinken die alle so? Schnell weg, nicht auszuhalten. Halt, Foto.
 

Spitze der ersten Startgruppe erreicht

An VP3 muss ich etwas mehr nachtanken und merke jetzt, wie brutal heiß es geworden ist. Ich lasse mir den Eimer Wasser über den Kopf kippen, als er mir angeboten wird. Tut das gut. Die Luft ist jetzt ein wenig raus und ich muss mehr kämpfen, um die nächsten Sandhügel hochzukommen. Wieder tauchen Läufer vor mir auf. Am nächsten Steinbrocken mit über 200m Höhe gibt es immerhin für ein paar Hundert Meter Schatten. Herrlich. Die vor mir liegende Japanerin frage ich im Vorbeilaufen, wieviel aus Gruppe 1 noch kommen. Sie sagt da wäre keiner mehr, nur noch das Führungsfeld aus Gruppe 2. Oha. Geschafft. Wie spannend.
 
Zu VP4 geht es erneut durch eine Ebene, die ziemlich viel Energie kostet und mir die Grenzen aufzeigt. Hinter mir läuft William, der aufgeschlossen hat. Super Läufer, sehr aufrecht, extrem ausgefeilte Lauftechnik, sehr konstant. Ich versuche ihn etwas auf Abstand zu halten. Klappt nicht, 2K vor VP4 hat er mich, während ich eine mir vollkommen unbekannte Läuferin überhole, die irgendwo aus einem Gebüsch gesprungen kam und nicht mehr ganz so frisch ausschaut. Zu Dritt geht es weiter. Ich merke nun aber, dass die Kraft wieder zurück ist und William etwas zurückbleibt. Flucht nach vorne, wird vermutlich nicht klappen, aber an den VPs habe ich bisher immer viel Zeit gut gemacht.
Mit 300m Vorsprung erreiche ich den VP und haste sehr schnell weiter. Aus den 300m werden 500-600m, größer werdend. Nächste Tiefebene, dieses Mal nicht ganz so tiefer Sand. Gut laufbar, aber blöderweise habe ich ein paar Fähnchen übersehen und muss nun improvisieren und die Richtung raten. Ein Geländewagen rast vorbei, Sam im Fenster. Muss richtig sein.
 
 

Runners High – Episode 2

Nächster VP, der fünfte, also bei etwa 35K. Unspektakulär. Aber hier wird jetzt nachgefragt wie die Verfassung ist, ob ich noch genug Elektrolyte habe und ob ich sonstwie Hilfe benötige. Nope. Mir geht’s super. Da ist es wieder, dieses Gefühl von Super. Gerade noch war es ziemlich zäh beim Laufen, jetzt ist alles wieder super. Was für ein Film! Nächstes High auf dem Weg zu VP6 auf einem Hügel. Schon bald kann man den VP auf der Kuppe sehen. Dazwischen ein langes Tal und Serpentinen nach oben. Die 4 Läufer vor mir nehmen den direkten Weg und nicht die Serpentinen, wirken aber ermüdet. Zum ersten Mal entscheide ich mich für die längere Strecke und laufe den markierten Weg hinauf. Die beiden ersten habe ich schnell überholt, die beiden davor kurz vor dem VP – 4 auf einen Streich. So langsam dämmert mir, das ist mein Tag – wer weiß wo ich liege. Diese Frage muss geklärt werden.
 
Am VP6 ist man im Bilde, Rang 15. Wow, ich hatte auf so eine Antwort gehofft. Weiter, das darf jetzt nicht mehr hergeschenkt werden. Auf dem Weg zu VP7 wird es sehr hügelig und teilweise auch sandig. Trotzdem kann ich mich direkt am nächsten auf Rang 14 und 3km später auch auf Rang 13 vorschieben. Immer noch powert etwas in mir, nicht mehr so krass wie Stunden zuvor, aber dennoch spürbar. Dazu die Motivation nun endlich an den Top Ten zu kratzen. Ob noch mehr geht, weiß ich nicht, da vorne laufen verdammt gute Läufer mit Marathonzeiten unter 3 Stunden, das kann ich zur Zeit nicht bieten. 3:10 sind drin, mehr nicht, muss auch nicht. Es sind 60K, nicht 42.
 
Der nächste VP, der 7., bestätigt noch mal meinen 13. Rang und pusht mich. Ich erfahre vom Geländewagen der mich passiert, dass ich aktuell wohl der Läufer mit den schnellsten Zwischenzeiten zwischen den letzten VPs bin und auch die meisten Positionen gut gemacht habe.
 

Endspurt

Es geht in einen Canyon, Sam und Jamie stecken ein paar Fähnchen vor mir neu. Über uns kreist ein fetter Geier und kreischt. Schnauze da oben. Hier gibt’s nichts zu holen. Wieder verpeile ich ein wenig die direkte Route und sehe keine Fähnchen mehr, aber da es kaum Interpretationsspielraum gibt, war es nicht zu schwer zurück auf den rechten Pfad zu finden. Der Spaß ist nun vorbei. Bei km 55 fehlt es nun ein wenig an Kraft, aber immerhin taucht nun der letzte VP auf. Noch irgendwie im Bau befindlich, bekomme ich eine Volldusche aus mindestens 3 Litern Wasser. Was für eine Verschwendung und wie geil! Etwa 3K sollen es noch sein, also sogar etwas kürzer als die angesagten 60K. Vor mir fliegen 2 Militärhubschrauber durch das Tal, auf einem Bergkamm stehen Dutzende Menschen. Was ist denn hier los? Keine Ahnung, weiter.
 
Mehrere Bergmassive tauchen auf, zum Fuße von einem muss das neue Camp liegen. Nicht sichtbar, denn es geht den Hügel hinauf und um eine Kuppe im Sand herum. Da ist es. Ein Torbogen, 3 Menschen darunter die ziemlich beschäftigt sind und das Camp – NOT! Kein Camp, nichts ist aufgebaut. Die Beduinen basteln noch gemütlich an den ersten 2 von 12 Zelten, die meisten Taschen stehen in der prallen Sonne. Für mich wird ganz schnell eine 3-Personen-Cheerleading Notbesatzung zusammengetrommelt, die mich gebührend bejubelt und empfängt. Der Social Media Boy trägt mir meine Tasche hinüber zum Schatten im Fels, wo die anderen 12 schon sitzen. In 10 Minuten können wir in die Zelte. Super, Danke… Aber so wird es nicht kommen.
 

Die Zeit als Kaugummi

Die 10 Minuten haben 2 Stunden gedauert. Die Empfangscola gibts nach 2:30 Stunden. So langsam werden es mehr Leute im Camp, die sich nun darüber ärgern. Zeltnummern werden abgefragt und an einigen Stellen eskaliert es ein wenig, weil sich *** Break *** Was in der Wüste passiert, bleibt in der Wüste!
 
Joe trifft als nächster des Teams ein und wir gehen zum gemütlichen Teil über. Was für ein Tag!!!! Erst viel später sehe ich auf der Gesamt-Ergebnisliste, dass ich mich von Rang 21 auf Rang 17 vorgearbeitet habe. Da geht noch mehr. Aber der Donnerstag wartet mit fast 50K auf uns…
 
Das Angstszenario ist bewältigt, jetzt gibt es ein neues mit 50K. Stehe ich morgen früh wieder so erholt auf wie heute?

 

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