Ultra X Jordan 2023: Freitag – der extrem harte letzte Renntag

Superheiß, superschnell, supersandig - superanstrengend

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Freitag – Fünftes und letztes Rennen (38.4K // 450hm)
Es ist endlich Freitag, das Schlimmste ist vorbei. Obwohl, eigentlich war es überhaupt nicht schlimm beim Ultra X Jordan. Heute folgt ein eher kurzes Rennen und der Zieleinlauf.
 
“Kurzes Rennen”, mal ehrlich. Wie sich die Wahrnehmung verschieben kann! Angesagt sind 34K und natürlich ist das eine Distanz, die ich den letzten Monaten oft gelaufen bin und auch eine ganz klare Vorstellung von der Länge habe. Aber “kurz” ist dann doch irgendwie anders. Start um 0700, alle sind irgendwie viel entspannter, aber der Anteil von Mumienläufern in Kinesiotape hat noch einmal zugenommen.

Am frühen Morgen hing auf einmal eine ausgedruckte Rankinglist an der Magnettafel im Camp. Gabs nicht jeden Tag. Diese Brandstifter in der Orga. Natürlich gibt es dafür Abnehmer wie mich und ich stelle fest, Rang 16 Gesamt. William liegt 15 Minuten vor mir, viel Zeit die da rausgelaufen werden muss, aber nichts ist unmöglich. Eher besorgniserregend ist Alexandr mit 3:50 Minuten hinter mir. Die sind ganz schnell weg, wenn man nicht aufpasst. Ich beschließe also auf Alexandr aufzupassen.

Ein Tag wie jeder andere zuvor?

Same procedure as every day: Joe und ich stehen in zweiter Reihe am Start. Die erste Reihe war ganz schnell besetzt. Interessant! Jamie erzählt etwas vom Final Day und einer tollen Strecke, aber auch viel, viel Sand und hohen Temperaturen. Alexandr steht neben mir. Der Start ist freigegeben und es geht dieses Mal rechts aus dem Camp raus. Da waren wir noch gar nicht und deswegen war mir auch nicht bewusst, dass es hier erst einmal nach oben geht. Alle anderen Routen habe ich mir in Komoot vorher angesehen, diese nicht. Doofer Fehler, aber irgendwie hatte ich das Rennen schon gehakt. Alexandr zieht an mir vorbei, aber mit was für einem Antritt. Verrückt. Aber nicht nur er, das ganze vordere Fünftel geht ab wie Schmidts Katze und darin sind nicht nur Top 20 Läufer enthalten, sondern auch ungewohnte Gesichter. Was habe ich denn eigentlich verpasst? Gibt’s jetzt Sprintwertungen oder Preise für Bergankünfte?
 
Unfassbar. Ich gehe mit, etwas moderater, aber doch deutlich schneller als ich eigentlich starten würde. Alex habe ich im Auge und überlege ihm 300m zu geben, bevor ich ihm nachsetze. Ganz offensichtlich habe ich nicht alleine beschlossen meinen Rang behalten zu wollen oder gar zu verbessern. Bei den meisten geht es hier anscheinend um Verbesserung. William läuft etwas vor mir, aber von dem habe ich auch nicht erwartet direkt in derart schnelle Positionskämpfe einzusteigen.
 
Nach den ersten 80 Höhenmetern geht es im richtig tiefen Sand wieder hinunter in die Ebene. Vollkommen irritiert bin ich Zeuge, wie Alex mit riesigen Schritten den Hang hinunterrennt und den Abstand auf locker 200m vergrößert. Das kann ja lustig werden.
In der Ebene beruhigt sich das Feld nun ein wenig. Die ersten 5km sind durch, jetzt zieht es sich auseinander und die ersten Läufer fallen wieder zurück. Das Tempo ist immer noch hoch und fordert Opfer. Eines der ersten Opfer ist Alex und ich muss zugeben, dass sich ein wenig Schadenfreude in mir breitmacht. Nicht das ich wüsste wie es in ihm und seiner Muskulatur aussieht, aber es war unwahrscheinlich, dass er das halten kann. Er nimmt kurze Zeit später zur Kenntnis, dass er an der nächsten Kuppe nicht folgen kann und fällt zurück. Das Spiel geht in die zweite Runde, dass es noch einige geben wird, weiß ich an dieser Stelle freilich noch nicht.
 
Wieder einmal schließe ich zu William auf, genau vor VP1. Ich überlaufe den VP, inzwischen mit 2 Flasks ausgestattet und einem Miniflask im Rucksack, um die geforderten 1.5l am Mann zu haben. Allerdings leer, niemand hat gesagt der Flask müsse voll sein. Ich hänge mich direkt an William und beginne ein Gespräch mit ihm. Er ist ziemlich eloquent und es macht Spaß mit ihm zu plaudern, die Zeit vergeht schneller, man ist abgelenkt und weiß trotzdem, das Tempo passt und ist gut für ein nettes Ranking. Nach ein paar Minuten erzähle ich ihm von Alex und den Abständen. Er sieht sich auch nicht direkt bedroht, versteht aber, dass ich mich lieber mit Verteidigung von vorne befassen möchte als der Sache beizuwohnen, um dann zu reagieren. Wir beobachten Kilometer um Kilometer, wie sich das Rennen entwickelt und überholen dabei 4 wirklich starke Läufer, die in den Tagen zuvor noch vor uns lagen. Heute stehen die Dinge anders, ganz klar sind die Akkus heute leerer als noch gestern und das hohe Starttempo fordert auch seinen Tribut.
 
Die Temperatur ist schon frühen Morgen nahe dran an den 30 Grad und klettert weiter.
Alex lässt sich nicht abschütteln, er bleibt dran, verkürzt den Abstand sogar. Natürlich wissen wir nicht, was sein Plan ist und ob er überhaupt einen hat. Wir wissen auch nicht, ob er die Liste gelesen hat und ob er uns als Konkurrenten sieht oder einfach nur schnell laufen will. Wir beschließen gemeinsam, dass wir ihn aber auch nicht fragen wollen, sondern Tatsachen schaffen. 50m vor VP2 schlägt William vor, dass wir bei diesem VP (bei dem alle nachtanken müssen) die Sache so drehen, dass ich als Erster den VP verlasse und William zurücklasse. Da Alex inzwischen direkt hinter uns ist, will William mal eine Zeitlang mit ihm laufen und schauen was passiert. So passiert es. Der Deal ist aber auch, dass ich William verspreche auf keinen Fall seine 15 Minuten Vorsprung zu gefährden, sollte sich das Szenario dahin entwickeln weiter Tempo machen zu müssen.
 

Rennstrategien – war das alles totaler Quatsch?

Ich eile aus dem VP und erhöhe deutlich die Pace. Die Stelle eignet sich sehr gut, weil es bergan geht, nicht steil, aber doch kraftraubend. Eher meine Domäne als Alexandrs. Sehr schnell verliere ich die beiden aus den Augen, überhole 3 andere Läufer und nehme noch den nächsten Hügel, bevor ich das Tempo wieder drossele. 150m hinter mir taucht plötzlich William auf, ohne Alex. Was ist passiert? Ganz langsam trabe ich weiter und warte auf William, um die Story zu erfahren. Mindestens 600m weit ist kein Läufer zu sehen.
 
Er ist geplatzt, sagt William. Schon recht zeitnah nach dem VP hat er das Tempo deutlich herausgenommen und konnte William nicht mehr folgen, ist dann noch weiter zurückgefallen. Bedeutet nicht, dass das Thema beendet ist, aber zunächst ist Entwarnung angesagt. Wir laufen gemeinsam weiter, nehmen eine nächste Düne mit sehr tiefem Sand und ich merke so langsam, dass mir die Sache heute auch zu schaffen macht. Mit inzwischen über 30 Grad ist dieser Morgen verdammt heiß und ich erlebe auch einen Moment der Schwäche. William muss ich ein wenig vorlaufen lassen, ohne aber den Kontakt zu verlieren. Den verliere ich dann an VP3 bei Kilometer 22, bevor es erneut in einen Canyon geht, der immerhin etwas Schatten verspricht.
Der VP hat mich dieses Mal etwas Zeit gekostet, weil ein Läufer vor mir die Besatzung etwas gebunden hat und ich nicht ans Wasser kam. Immerhin bin ich direkt danach an ihm vorbeigehuscht und vor ihm in den Canyon eingelaufen.
 
William ist inzwischen zu weit weg, um die Lücke zu schließen. 3 Kilometer später ist ein weiterer Läufer überholt und jemand vor mir wechselt permanent zwischen Gehen und Laufen. Da es aber tiefen Sand hat und aufwärts geht, bringt mir das keinerlei Vorteile. Inzwischen beschäftigen mich selbst auch wieder leichte, dumpfe Schmerzen an der linken Knieinnenseite. Noch nichts bedrohliches, aber so etwas kann sich ganz schnell ändern. 20 Minuten kostet es mich, bis der Spuk vorbei ist und ich mich daran machen kann den Vordermann anzugehen. Seine Knieprobleme sind heftiger geworden und er lässt mich ziehen. Wir wünschen uns schon hier ein tolles Finish – hoffentlich nicht zu früh. Der Abstand wächst schnell, aber irgendwann läuft er wieder.
 
Nun meldet sich das Knie rechts, wieder die Innenseite. Kann nicht sein, das ist neu. Doch nicht jetzt. Mir wird klar, dass dieses letzte Rennen absolut auf Kante genäht ist und das auch ich nun aufpassen muss es nicht zu übertreiben, die Kraft ist da, motiviert bin ich auch, laut Uhr muss VP4 an km 28 gleich kommen. Ist aber nichts sichtbar. Die Ebene ist gar nicht so eben wie gedacht, überlege ich, der VP muss tiefer liegen als mein Trail, sonst müsste ich ihn längst sehen. Das Knie dröhnt nun mehr, inzwischen tut es echt weh. Ich versuche das auszublenden und spiele Filmchen von meinem Zieleinlauf vor dem inneren Auge ab, die Wasserdusche, die Medaille und hoffentlich auch das Black Ribbon.
 
Der Trail geht leicht bergab, die Uhr sagt 30K, noch 4K – endlich sehe ich den letzten VP. Noch 500m und jetzt wird gegrölt und getanzt, Musik gemacht. Brauche ich etwas? Nicht wirklich, die letzten 4K würde ich auch so überleben, fülle eine Flask aber trotzdem auf. Mit dem Worten “Last 6K” werde ich in die Wüste geschickt. “Wie 6K?” 4 müssen es sein. Ich bleibe stehen und frage noch einmal. Nein, es sind wohl 6K, Route liegt nun etwas anders. 30.5 habe ich auf der Uhr. Pfuah, das ist nun echt hart! Gedanklich war ich schon im Ziel und nun sind es noch harte 6K! Am Ende werden es gar 7.5K sein, aber das weiß ich noch nicht…
 

Verlaufen in der Wüste…

Ich laufe weiter, checke die Uhr und lese fette 42 Grad ab. Wow, neuer Rekord. Hätte ich jetzt nicht gebraucht. Die Motivation ist auf dem absoluten Tiefpunkt angekommen. Und weil es gerade nicht übler laufen könnte, stelle ich nun fest den abgesteckten Trail verlassen zu haben. 500m hinter dem VP habe ich mich verlaufen. Braucht kein Mensch in der Situation. Nun ja, die grobe Richtung ist klar, aber die Ebene ist sehr, sehr breit und irgendwie sehen die Felsmassive hier auch alle gleich aus. Keine Ahnung welches davon das am Camp ist.
 
Ich irre ein wenig herum und bin planlos, während der vorhin Überholte den VP verlässt. Man könnte jetzt warten welchen Weg er einschlägt oder selbst handeln. Ich tippe auf links und laufe ein paar Hundert Meter bis ich tatsächlich ein einzelnes Fähnchen sehe, aber kein anderes. Nun laufe ich ein wenig Zickzack und finde zwei weitere Fähnchen, die im Sand liegen. Aha, oft gesehen aber das war nun eine ziemlich blöde Konstellation. Auf 10m sieht man umgefallene Fähnchen einfach nicht, schwierig bei 50m Abstand. Aber immerhin kann ich nun eine gedankliche Linie ziehen und nehme das Rennen wieder auf.
 
Mein Verfolger sieht aber nun seine Chance und rückt näher auf, er läuft wieder und gar nicht langsam. Diesen Platz gebe ich nun nicht mehr her, egal was es kostet, ist nun das neue Motto. Wir eilen im Abstand von etwa 150m durch die Hitze, dann geht es rechts ab in eine neue Ebene und hier erkenne ich die “heimatliche” Felsformation und weiß leider auch: das zieht sich nun noch wie Kaugummi über Kilometer. Irgendwo vor mir läuft William, weit außerhalb meiner Range, aber gut erkennbar. Mehrere Geländewagen mit kreischenden Touris preschen an uns vorbei, sie haben die Irren entdeckt, unterstützen uns aber und so etwas tut gerade ziemlich gut. Die Knieschmerzen sind nun weg, vermutlich gekillt vom jetzt ausgeschütteten Final-Endorphin, mein Verfolger hat auch eingesehen, dass der Abstand nun wieder zu groß ist.
 
Der letzte Hügel zum Camp ist vor mir, die Luft ist komplett raus, 38K auf der Uhr, 500 fehlen noch. Ganz schön fette Streckenverlängerung in diesem Gelände und bei den Temperaturen. Dann bringe ich diesen Tag zu Ende, genieße die Wasserdusche, bekomme meine Medaille und schreite zu der Tat über, die ich mir nun seit etwa 3 Stunden vorstelle: der Übergabe von 5 Dosen Cola durch den Camp-Beduinen an mich. Eine sechste kaufe ich für William, schlurfe hinüber, bedanke mich für seine Hilfe und beglückwünsche ihn. Hätten wir uns an Tag 1 kennengelernt, wäre das vermutlich zu einem Duo gewachsen.
 
Uns trennen am Ende 20 Minuten auf 225.6 Kilometer auf meiner Uhr. Er hat meinen absoluten Respekt für eine derart konstante Leistung und diese stoische Gelassenheit, die Dinge am Ende zu entscheiden. Was für eine Geduld.
 

Tip me…

Tja, die Getränkeübergabe vom Softdrink-Wärter war weniger feierlich. Dachte ja, dass er uns auch gratuliert. So ein wenig wenigstens. Aber er sah diesen emotionalen Moment eher anders und fordert “Tip me!”. Ich gebe ihm einen weiteren Dinar und streiche von dannen. Er hat ja Recht, die Reichen Europäer machen hier ein Rennen für viel Geld zum Spaß und er muss uns bedienen für einen mutmaßlichen Hungerlohn. Heute war sein Tag, nicht nur unserer. Danke, mein Lieber.
 
Die brutale Hitze hat an diesem Tag Opfer gefordert. Ich höre von einer notwendigen Infusion nach vermeintlicher Dehydrierung und ein Läufer wird per 4×4 ins Camp gebracht und durchleidet einen kapitalen Hitzschlag, wird aber vom ganzen Ärzteteam bestens versorg. Wirklich keine schönen Bilder. Am Abend dreht er im Camp vorsichtig schon wieder seine Runden, um den Kreislauf ins Lot zu bringen. Es hat so einige erwischt, die es dann auch haben gut sein lassen mit dem Laufen und die Angelegenheit gehend beendet haben. Im Medic-Unterstand kommen in den nächsten Stunden eine Menge Teilnehmer unter, um sich betreut zu erholen. Das zum Thema “entspannter Finaltag mit weniger Distanz und Sand”. Knüppelhart war der Tag.
 

Das Beduinen-Barbecue

20:00Uhr Barbecue, 20:30 Uhr Medal-Ceremony. Darf ich dann noch aufessen? Straffer Plan. Aber eh falsch. Um 19irgendwas steht die “deutsche Delegation” vor unserem Zelt Nummer 10 und wähnt sich in guter Position zur Aufnahme von schmackhaften Kohlenhydraten aus heimischer Produktion. Leider am falschen Ende, denn die Warteschlange fürs Buffet beginnt auf der anderen Seite. Leichte Panik beschleicht mich. Wir sind nicht die letzten in der Schlange, das sind die Medics und das Orga-Team, aber doch weit, weit weg vom Essen. 25 Minuten später sehen unsere Teller dann genauso aus wie alle anderen: aufgeschichtete 10cm aus allem was da war (Vegetarier hatten dabei ein wenig das Nachsehen).
 
Das letzte Salz kippe ich über das Essen, macht es deutlich besser. Nicht lukullisch, aber doch gut und auf jeden Fall anders als die Expeditionsnahrung der letzten Tage. Besonders alt wird heute keiner mehr, aber vorher gibt’s noch eine Ehrung für alle Läufer unter der 27h-Schwelle. Ich darf das Black Ribbon in Empfang nehmen. Danach folgt noch die Ehrung für alle Läufer unter 30h mit dem White Ribbon. Als Comedy-Einlage werden noch diverse Preise mit beschrifteten Papptellern für das beste/schlechteste Outfit, das netteste Pärchen, den unterhaltsamsten Genossen und und und verliehen.
 
An diesem Abend gibt es leider keine Ergebnisliste mehr und so erfahre ich erst am nächsten Morgen, dass ich Rang 16 nicht nur halten konnte, sondern mich auf Rang 15 verbessern konnte. William und ich haben beide von einem erheblichen Zeitverlust direkt vor uns profitiert und sind etwas weiter nach vorne gerückt. Final also Platz 15 Gesamt, 5. Platz AK. Viel mehr war nicht drin. Am ersten Tag habe ich bestimmt 20 Minuten unnötig verschenkt, was mir am Ende Rang 13 oder 14 gebracht hätte. Aber man weiß es halt auch nicht und mir fehlte die Erfahrung mit Multistage-Rennen. In Summe bin ich mit dem Ausgang mehr als zufrieden. Die Komfortzone musste ich nie wirklich verlassen und nicht ein einziges Mal haben sich Gedanken wie „Was für eine bekloppte Idee – nie wieder!“ bei mir eingeschlichen. Kann ich aus meiner Radsportkarriere nicht behaupten, da gab es diese Gedanken bei Bergrennen öfter Mal. Nicht dass es mich davon abgehalten hätte im nächsten Jahr wiederzukommen, aber zumindest für ein paar Minuten war die Motivation im Eimer.
 

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