Ammergauer Alpen Cross

Vom Bannwaldsee nach Oberammergau an einem Tag

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Immer wollte ich schon die Ammergauer Alpen vom Bannwaldsee bei Schwangau bis nach Oberammergau durchlaufen. Dieses Jahr war es soweit – 30K und knapp 1900hm standen auf dem Plan und ein paar extreme Abschnitte der Kategorie „Klettern“ sowie „Klettersteig“.

Bannwaldsee, kurz von Schwangau (ihr wisst schon, da wo das dezente Schloss von unserem Kini steht), Samstag 09:15 Uhr. Hammerwetter, blau-weißer Himmel, wie sich das gehört. Also den ganzen Kram aus dem Bulli raus und an den Körper. Heute mit dem Winterrucksack, passt mehr rein. Jagdtrophäen, Murmeltiere und der ganze Kram, den man für Notfälle in den Bergen lieber dabei hat. Eispickel, Helm, Biwak, Kocher – na Schmarrn, aber Regenjacke, First-Aid Kram, Multituch, viel Energy, die GoPro.
 

Die Route vom Bannwaldsee nach Oberammergau

 
Die Routenplanung ist per Komoot erledigt. Sind wieder einmal ein paar Trails dabei, die ich nicht kenne, obwohl ich des Öfteren hier mein Bergtraining mache. Dazu später an der Stelle mit ** „da steht man also und starrt in den Wald hinein – hoffend, irgendein Zeichen zu sehen“….
 

Start zum Ammergauer Alpen X

Die ersten Kilometer noch total entspannt und für deutsche Verhältnisse moderat. Ich hasse das ja, wenn es direkt supersteil in den Berg geht. Komoot möchte, dass ich umdrehe. Jaja, klar, musste ja kommen. Handy raus, wieso umdrehen? Aha, Spitzkehre rechts. Umdrehen ist was anderes, Herr/Frau/Es Komoot! By the way, welche Spitzkehre? Gefunden und ab in die tiefgrüne Botanik, war wohl länger keiner mehr hier, der Trail schon fast zugewuchert, ein kapitaler Bock mümmelt an seinem Gemüse und lässt mich machen. Irgendwann ist er weg, der Trail, und ich auch – nämlich 70m rechts vom Trail. Da aber auch meine Wahl zum anvisierten Bergwanderweg führt, lass‘ ich mal laufen. Passt.
 
Nach einer knappen Stunde sind die ersten beiden Peaks im Sack und 6.5km ebenso. Bloß kein Stress, wird später noch knackig. Danach gehts erstmal hinunter ins Revier der Mountainbiker am Stausee und ich entdecke einen flowigen Trail am Bachlauf, der so viel besser ist als die Kiesautobahn mit den E-Bikern! Hatte ich mal erwähnt, dass ich meine MTB-Karriere dann hinhänge, wenn an steilen Hängen ein paar ältere Muttis mit einem Stück Käsekuchen im Mundwinkel fröhlich zwitschernd mit dem E-Bike an mir vorbeiquirlen? Nicht? Das war vor etwa 10 Jahren und ich dachte das dauert noch etwas. Passierte aber noch im gleichen Jahr in Garmisch an der Wank auf Kies mit 27%. Seitdem fahre ich keine MTB-Rennen mehr. Freue mich ja für jeden der aufs Rad findet, aber ich laufe jetzt lieber in der Einsamkeit. Ist mir einfach zu viel geworden mit den motorisierten „Mountainbikern“.
 
Zurück zum Thema: Nach dem Stausee und hinter der Brücke biege ich links ab, denn von rechts kam ich ja (ihr erinnert Euch, die Kiesautobahn mit den Mountainbikern). Komoot meckert und meint ich müsse doch geradeaus! Ja wie, geradeaus!? Da ist dichter Wald! Kein Weg. Kein Schild.
 
** Da steht man also und starrt in den Wald hinein – hoffend, irgendein Zeichen zu sehen. Auch meditativ. Muss aber doof aussehen, denn die Bewohner der MTB-Autobahn machen sich schon Sorgen und fragen, ob man mir helfen könne. Ja klar, wo ist der Bergpfad! Da ist keiner! Ja weiß ich selbst, bin ja nicht blind!
 
Leider doch! Bin dann einfach ins Dickicht und habe gesucht was nicht sichtbar war und was finde ich? Einen Singletrail, kaum sichtbar, aber trotzdem da. Hier zerkratze ich mir erfolgreich Arme und Beine, denn der letzte der hier war, muss Oberforstrat Waldemar anno 1849 gewesen sein. Aber gut, dass Komoot sich derart auskennt. Eigentlich sind diese lustigen Trails nur Abkürzungen zu den Terrassenwegen, die den Berg hinaufführen. Schon fast witzig die Gesichter der Mountainbiker zu sehen, wenn man mit Gestrüpp im Gesicht aus irgendeinem Pfad auf den Kiesweg springt und auf der anderen Seite wieder verschwindet.
 
Überall kaltes, klares Wasser. Danke bin bedient. 1 Liter feinstes Kranenberger mit Squeezy Energypulver verfeinert, begleitet mich. Wer füllt schon so früh auf? Ich nicht, ich Trottel! Dazu später mehr…
Ich erspare Euch die ganzen coolen Hügel und Berge mit Namen, die ich selber nachlesen müsste. Irgendwann, so 100m unter dem Grubenkopf mit 1840m, fällt mir auf, dass der Wasserstand zu wünschen übrig lässt. Und erfahrungsgemäß sprudelt das Bergwasser am Gipfel ja nicht mehr so erfrischend aus dem Berg. Um nicht zu sagen, hier sprudelt gar nix mehr und die Kuhtränke weiter unten streiche ich von der Optionsliste. Naja, irgendwas wird kommen und ich hab ja noch 5 Squeezy Liquids. Sollte passen.
 
Ja sollte! „Sollte“ ist die Schwester von „Ka-tas-trophe“!
Ich bin auf dem Bergkamm. Ab hier gehts ein paar Kilometer über diverse Gipfel, auf einem herrlichen Trail. Skyrunning könnte man sagen, ob das angesichts der Prozente passt, keine Ahnung, aber es war so wie in den zahllosen Youtube-Filmchen von Trailsupercheckern wie Courtney Dauwalter, Jim Walmsley und Kilian Jornet. Es wird immer ausgesetzter und ich bin gezwungen in einer ausgewaschenen Rinne von 30cm zu laufen. Immer noch auf dem Grat, links geht’s ein paar Hundert Meter steil runter, rechts auch, aber etwas unspektakulärer. Man glaubt ja nicht wie oft man wie ein Betrunkener herumstolpert, wenn man in so einer Rinne nicht akkurat einen Fuß vor den anderen setzt!
Der Trail wandelt sich von einem T3 in Richtung T4. Ein Rudel Bergwanderer kommt von unten auf mich zu. Der Anführer fragt mich, ob ich Erfahrung mit diesem Trail habe und schon eine 1 gegangen bin. Mir ist an der Stelle klar, dass es nun streckenweise vorbei mit dem Running ist und es Kletterpassagen gibt. „Klar“, erwidere ich und lasse die Horde erst einmal passieren. Mit einem Augenzwinkern wabert mir noch ein „auf alles hast Du uns vorbereitet, aber auf Trailrunner nicht“ entgegen. Das ging an den Bergführer. Gefolgt von „das deprimiert mich“.
 
 

Klettersteig für Trailrunner?

Es lag vermutlich an meinem heute so wunderbar leichtgängigen Bergziegenlaufstil, den luftigen Klamotten und dem süffisanten Grinsen, die meine eigene Anstrengung auf das professionellste kaschierte. Lernt man übrigens im Radsport. Und wenn es noch so weh tut, immer lächeln! Arroganter Drecksack! A weng mehr Demut, Herr Kruck!
Die Strafe folgt nach einem echt abenteuerlichen Trail entlang des Kamms nach ein paar Stellen, die mich schon etwas nachdenklich gemacht haben. Ein Klettersteig, keine 6m lang, ein Stahlseil mit einem ausgerissenen Bolzen. Darunter eine Ersatzkette. So, wusste ja dass das kommen wird, aber trotzdem steht man dann erstmal da. Der letzte Kletterkurs war in den 90ern. Egal, rechts geht’s runter, wenn da was ins Rutschen kommt, war es das. An dieser Stelle möchte ich all jene warnen, die diese Route auch wählen und a) nicht schwindelfrei sind und/oder b) kein Klettersteigset dabei haben. Es geht, aber man sollte sich im Griff haben.
Also rüber. Es folgen noch ein paar weitere Passagen, über die man lieber nicht tiefer nachdenkt. So langsam wird diese Mission eine Klettertour.
 
Irgendwann taucht die große Klammspitze vor mir auf. 1924m hoch und mit einem stattlichen Gipfelkreuz versehen. Zahlreiche Zuschauer sitzen schon oben und genießen den grandiosen Ausblick. Irgendwann taucht ein zufrieden grinsender Trailrunner auf, sonnengebräunt und leicht dehydriert sucht er das Waschhaus, Ausschank, Kuhtränke, Kasten Coca Cola. Totalausfall. Kleinhirn meldet „Grinsen einstellen“. Neben mir taucht die Frage auf, ob ich wohl ein versprengter Teilnehmer des ZUT bin. „Grinsen wieder an“. Wenn das so wäre, hätte ich ein noch viel ernsthafteres Problem. Ist zwar nicht sooo weit nach GAP, aber für „Verlaufen“ dann doch!
 
Bevor das Hirn jetzt den Dienst einstellt, muss Wasser her. Und woher kommt das? Aus der Brunnenkopfhütte bei km 20 natürlich. Was steht auf der Uhr? 17.5km, hmmm! Klingt lächerlich, kann im Berg aber jede Menge sein. Nächste Kletterpartie, dies Mal abwärts, deutlich unangenehmer. Nächster Klettersteig, dieses Mal darf ich mich mit den Füßen auf den Fels gestemmt abseilen. Hatte das mal beim Houserunning in München gemacht – allerdings vorwärts mit dem Gesicht nach unten und mit zwei Sicherungsseilen im Rücken. Heute anders herum ohne Seil. Waren aber nur ein paar Meter und besonders steil war es auch nicht.
 
Danach wird es endlich gemäßigter und ich entdecke, wenn man läuft, kommt man schneller vorwärts. Fast verdrängt. Hatte ich erwähnt, dass es seit 1,5 Stunden kein Wasser mehr gab? Bis auf ein Liquid alle weg. So langsam kommen Kopfschmerzen auf, die Lippen sind trocken und ich muss Tempo rausnehmen, denn das Laufen wird nun merklich unsauber. So etwas endet dann nicht selten im Gebrauch des Erste-Hilfe-Packs im Rucksack.
Diese Kuhtränke 50m tiefer sieht einladend aus. Die Kuh daneben kooperativ. Aber 50m Höhenmeter runter? Neee! Wo ist die verdammte Hütte.
 
Gut dass ich das nicht gemacht habe, denn die Hütte ist hinter der nächsten Kurve! Feuerwerk im Kopf, volles Programm. Schon etwa 20m vor der Hütte spüre ich, wie eine eiskalte Cola den Rachen hinabläuft!
„Leider haben wir keine Cola mehr!“. Herzlich willkommen in der Brunnenkopfhütte. Mein Zusammenbruch noch am Bestellfensterchen kann so gerade noch vom „Aber wir haben Spezi“ aufgehalten werden. Her damit. Und wo wir schon mal dabei sind, auch ein Radler und der Zwetschgendatschi schaut auch so verdammt gut aus. Jetzt noch das Salzbergwerk aus dem Gesicht waschen und die Mütze nass machen.
Eine halbe Stunde gebe ich mir. Flaschen sind aufgefüllt, der Kuchen war ein Traum und der Liter kühles Nass verteilt sich noch im Körper. Die Kopfschmerzen waren nach dem ersten Schluck sofort weg. Weiter geht’s nun in Richtung Oberammergau, immer nach Süden.
 
Menschen, soooo viele Menschen. Die kommen größtenteils vom Schloss Linderhof hier hochgewandert, machen ein paar Fotos und dann wieder runter. Aus dem Singletrail wird eine Forstautobahn, leicht abwärts verlaufend. Ein Temporausch übermannt mich, endlich geht hier was voran. Ich bin dem Zeitplan deutlich hinterher und ich will meine Familie in O’gau auch nicht ewig warten lassen. Ich fliege den Berg hinunter. „Links halten“, meint Komoot. Jaja, sagt die selektive Wahrnehmung. Ist doch links!
 
Wir lernen, wenn es Links gibt, gibt es oft noch was linkeres. Gar nicht mal gut getarnt, sehr spitz abgehend und im Augenwinkel sogar bemerkt. Die Beine hatten das Hirn aber schon überzeugt, dass so mittellinks schöner ist. 400m später siegt die Vernunft. Ich verliere viel zu viel Höhe, Richtung stimmt grob, aber schließlich muss ich ja noch am Hennenkopf vorbei und der liegt erfahrungsgemäß nicht im Tal, sondern auf 1768m Höhe. Aus dem flowigen Forsttrail wird ein Singletrail. Nicht selten ausgesetzt, aber auch nicht super schwierig. Laufen geht nur unterbrochen. Wie man hier mit der Krax auf dem Rücken seinen Nachwuchs spazieren führt, ist mir allerdings schleierhaft. Ein mal gestolpert und ….
Rauf, runter, links, rechts, die Sonne brennt. Vollkommen überraschend laufe ich durch den Biergarten ins August-Schuster Haus ein. Damn! Komplett ausgeblendet. Unterhalb des Teufelsstättkopf gabs ja noch diese Hütte! Coca Cola 3 Euro, für eine halbe Maß übrigens. Der Wirt ist mürrisch (wie immer). Ab hier bin ich fast schon heimisch. Und von hier oben ist auch endlich Unter- und Oberammergau zu sehen. Unten auf dem Parkplatz vom Alpine Coaster warten Charlotte und Karolina. Vermutlich mit einem riesigen Eis in der Hand. Grummel!
 
Runter im Eiltempo, jetzt mache ich endlich wieder Meilen. Ratzfatz rausche ich am Kolbensattel vorbei und lasse den Coaster links liegen. Durch den Wald gehts neben dem offiziellen Kiesweg bergab. Komoot ist mit meiner Routenwahl nicht einverstanden. Rechts bitte den Trail hinauf. Whaaaat? Hier geht heute gar nix mehr bergauf! Ihren Einwand höre ich nicht mehr, abgeschaltet! Wer hier immer noch liest (gehts Dir noch ganz gut?), stellt möglicherweise fest: Komoot ist nun weiblich! Das lässt vermutlich tief blicken. Therapie sinnlos!
Weiter, es muss immer weiter gehen. Letztes Stück durch den Wald am Bergbach entlang (Wasser, jetzt wo ich es nimmer brauche). Die Talstation taucht auf. Der Parkplatz. Wo steht die Karre? Im Schatten. Hund döst, K2 spielt unter einem Baum und Charlotte hält eine (nicht eisgekühlte) Flasche Coke in der Hand. Sehr gut.
Ich hab nach der L’Etape du Tour (Radrennen, Road) bei knapp 40 Grad und nach dem Zieleinlauf in Alpe D‘ Huez mal eine eisgekühlte Cola LIGHT bekommen. Auch ganz lieb gemeint, aber im Ranking und in dem Augenblick kurz hinter Erbsensuppe. Verdammter Zucker.
Das Leben ist schön ….
 

Fazit

34,21 Kilometer, 2.062 Höhenmeter, 5:53 Std. reine Laufzeit. Etwa 50 Minuten mehr als Frau Komoot geschätzt hatte, die blöde Kuh. Die hat ja keine Ahnung.
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